Der neu gegründete »Hörspielhaus e. V.« hat grosse Pläne. Ein Gespräch mit den beiden Vorsitzenden Ulrich Bogislav und Benjamin Morgenstern
Seitdem sich der Buchhandel mit der Erfindung des geschenktauglichen »Hörbuchs« praktisch am eigenen Schopf aus dem Sumpf rückläufiger Umsätze gezogen hat, boomt das Interesse an allen Formen akustischer Unterhaltung. Auch das Hörspiel erlebt eine Renaissance. Da passt es gut ins Bild, dass mit dem »Hörspielhaus e.V.« nun eine Initiative in Köln auf den Plan tritt, die gerade dieser Kunstform zu neuer Geltung verschaffen will. Der gemeinnützige Verein, der mit nomadischer Struktur verschiedene Räume in der Stadt mit Veranstaltungen bespielen will, hat zum Auftakt eine Hörspielreihe in den Räumen der Nyland-Stiftung gestartet (vorerst die »Homebase«). Auf Dauer will man einen festen Spielbetrieb etablieren – ein Hörspielhaus nach Art des Literaturhauses eben.
StadtRevue: Wie sind Sie beide zum Hörspiel gekommen?
Ulrich Bogislav: Als Autor und jemand, der seit 30 Jahren Musik macht, war es nur eine Frage der Zeit, bis ich beides einmal auch zusammen führen wollte. Das für mich Interessante am Hörspiel ist das komplett neue Medium, das im Moment des Hörens entsteht, Moment für Moment. Deshalb sind Hörspiele für mich auch viel aktiver als Bilder. Es geht aber nicht darum, jetzt meine eigenen Hörspiele da vorzustellen, sondern das Hörspielhaus soll analog zu einem Programmkino funktionieren.
Benjamin Morgenstern: Mich fasziniert beim Hörspiel vor allem der Raum. Das So-Nebenbei-Hören wird dem Hörspiel ja eigentlich nicht gerecht. Aber wenn man einmal in einer guten Atmosphäre und mit einer hochwertigen Anlage ein Hörspiel gehört hat, dann merkt man, was Hörspiel sein kann!
Wer wählt die Hörspiele aus, die Sie präsentieren?
U.B.: Im Moment noch wir beide. Ich bin im Gespräch mit Sendern und Verlagen, kläre die Rechte, klopfe die Inhalte ab usw. Unglaubliche Mengen von Hörspielen verstauben in den Archiven, dabei ist es eine tolle und intelligente Unterhaltungsform. Dem Hörspiel fehlt eine Plattform. In Zukunft wollen wir dann eine Art Programmbeirat bilden.
Wie läuft der Kontakt zu anderen Institutionen, die das Hörspiel fördern, etwa der Filmstiftung NRW?
B.M.: Das geht Schritt für Schritt. Wir haben den gemeinnützigen Verein ja Anfang des Jahres gegründet. Am 12. April waren bei der Auftakt-Veranstaltung 120 Leute, die monatliche Reihe in der Nyland-Stiftung läuft, so dass es jetzt darum geht, das Hörspielhaus im Bewusstsein zu verankern und neue Kontakte zu Förderern zu bekommen.
Wir reagieren die Sender bis jetzt? Sehen die eher eine Konkurrenz?
U.B.: Es gibt da zwei Bereiche: einmal die Leute, die das Hörspiel schaffen, und dann die, die das Ganze verwalten. Es ist ja auch richtig, dass die Autoren, Sprecher usw. ihr Geld bekommen, aber die Verwaltung der Rechte und Lizenzen ist sehr aufwändig und langwierig. Da scheitert es im Moment noch oft. Die Redaktionen dagegen würden uns am liebsten mit Produktionen überhäufen.
Haben Sie bestimmte ästhetische oder inhaltliche Vorgaben?
B.M.: Wir versuchen, keine Vorgaben zu haben, ohne dabei beliebig zu sein. In der Nyland-Stiftung sollen vor allem literarische Hörspiele laufen, wir sind uns aber bewusst, dass auch das populäre Hörspiel seine Berechtigung hat. Mit dem Crowne Plaza Hotel zum Beispiel wird es im nächsten Jahr in dieser Richtung eine Zusammenarbeit geben.
U.B.: Es kann alles sein ausser Hörbüchern und Popmusik.
Wie stehen Sie zu ‚kultigen‘ Hörspielphänomenen? Wird es beim Hörspielhaus auch mal eine lange »Hui-buh«-Nacht geben?
U.B.: Es gibt ja nicht nur hohe Literatur oder akustische Kunst, sondern auch populäre Klassiker. Ich persönlich tendiere mehr zur Literatur - aber warum nicht »Hui-buh«.
B.M.: Wir würden zum Beispiel gerne Hörspiel-Premieren veranstalten und dann im Anschluss eine Reihe von Vorführungen, ähnlich wie beim Theater - im Radio wird ein Hörspiel ja einmal gesendet und ist dann verschwunden.
Soll das Hörspielhaus auch eine Vermittlerrolle unter den Hörspielmachern, etwa zwischen Autoren und Regisseuren, übernehmen?
U.B.: Man darf sich das Hörspielhaus nicht so vorstellen, dass vorne eine CD reingeschoben wird und alle sitzen rum. Es wird auch szenische Lesungen geben, Soundtüftler, die ihre Arbeit vorstellen, oder Mischformen zwischen Lesungen und Hörspielen. Aber solche Konzert-ähnlichen Veranstaltungen kosten eben auch Geld.
B.M.: Wobei man sagen muss, dass wir die Räume schon haben, etwa das ehemalige Viva-Studio im Mediapark mit einer erstklassigen Technik. Dort könnten im Prinzip schon Veranstaltungen statt finden.
U.B.: Hörspiel ist ja sehr demokratisch. Man kann sich selbst den Platz aussuchen, an dem man zuhört, es gibt keine festen Stuhlreihen, die zu einer Bühne ausgerichtet sind, sondern der Klang ist überall - Dolby Surround eben. Da könnte ich nun wirklich endlos drüber reden …
Text und Interview: Thorsten Krämer/ Stadt-Revue Juni 2006